6 Dinge, die ich aus „Wie man Freunde gewinnt“ von Dale Carnegie mitgenommen habe
Dale Carnegie schreibt über Zuhören, Perspektivwechsel, Kritik und den Umgang mit Fehlern. Sechs Gedanken aus seinem Klassiker, die mich bis heute begleiten – und was ich persönlich daraus gelernt habe.
Dale Carnegie – Wie man Freunde gewinnt
Dieser Text ist keine Zusammenfassung des Buches. Ich greife sechs Gedanken von Carnegie auf, die bei mir besonders hängen geblieben sind, und verbinde sie mit meinen eigenen Erfahrungen und Überzeugungen.
1. Zuhören und ehrliches Interesse
Carnegie beschreibt auf verschiedene Weise, wie wichtig echtes Interesse am Gegenüber ist. Statt ein Gespräch vor allem dafür zu nutzen, selbst zu sprechen, können wir zuhören, nachfragen und dem anderen Raum geben, von sich und seinen Gedanken zu erzählen.
Dieser Gedanke hat mich beim Lesen besonders positiv getroffen. Meine erste Reaktion war allerdings nicht: „Das muss ich lernen.“
Sondern eher:
Das mache ich doch bereits die ganze Zeit.
Bis heute gehört es zu den Dingen, die mir im Kontakt mit anderen Menschen am meisten Freude machen. Mich interessiert wirklich, warum ein Mensch denkt, wie er denkt. Wie ist er zu seiner Sichtweise gekommen? Was hat er erlebt? Warum bewertet er eine Situation völlig anders als ich?
Genau das spiegelt sich auch in meiner Beratung wider. Das Nachfragen ist für mich nicht bloß eine gelernte Gesprächstechnik. Dahinter steckt ehrliches Interesse an dem Menschen, der vor mir sitzt.
Was andere vielleicht erst als Regel lernen müssen, ist für mich einfach ein Teil meiner Natur.
Aber selbst wenn es nicht der eigenen Natur entspricht, kann man es ausprobieren: Statt eine Aussage sofort einzuordnen, zu bewerten oder mit der eigenen Geschichte zu beantworten, einfach einmal eine Frage mehr stellen.
Vielleicht erfährt man dadurch etwas, das man vorher noch nie gehört hat. Allein deshalb lohnt sich echtes Interesse.
2. Nicht jedes Gespräch muss gewonnen werden
Carnegie beschäftigt sich damit, wie wenig wir häufig erreichen, wenn wir einen anderen Menschen unbedingt davon überzeugen wollen, dass wir recht haben. Einen Streit zu gewinnen bedeutet schließlich noch lange nicht, die Sichtweise des anderen verändert zu haben.
Stell dir vor, zwischen zwei Menschen liegt ein Buch.
Einer steht vor der Vorderseite, der andere vor der Rückseite. Nun sollen beide vorlesen, was dort steht.
Beide lesen etwas völlig Unterschiedliches vor.
Wer hat recht?
Beide.
Das Buch ist dasselbe. Der einzige Unterschied ist die Perspektive, aus der es betrachtet wird.
Wenn ich recht habe, bedeutet das nicht automatisch, dass du unrecht hast.
Gerade in Konflikten vergessen wir das schnell. Wir versuchen nicht mehr zu verstehen, sondern zu gewinnen.
Aber wenn es einen Gewinner geben soll, braucht es zwangsläufig auch einen Verlierer. Und der Verlierer fühlt sich anschließend meistens nicht besonders gut.
Deshalb kann eine viel spannendere Frage sein:
3. Eigene Fehler offen zugeben
Statt einen eigenen Fehler zu verteidigen, kleinzureden oder die Verantwortung dafür bei anderen zu suchen, empfiehlt Carnegie einen wesentlich direkteren Umgang damit: ihn anzuerkennen.
In unserem normalen Sprachgebrauch sagen wir häufig:
„Da habe ich einen Fehler gemacht.“
Aber wenn wir ganz genau darüber nachdenken, ist diese Formulierung manchmal merkwürdig.
Wenn ich vorher nicht weiß, dass etwas falsch ist und ich es tue, habe ich dann wirklich einen Fehler „gemacht“?
Viele Fehler entstehen doch gerade deshalb, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, was wir später wissen.
Fehler passieren.
Und deshalb finde ich eine andere Frage viel interessanter:
Schreibe ich meine Fehler auf? Denke ich darüber nach? Versuche ich zu verstehen, was ich beim nächsten Mal anders sehen könnte?
Nicht als permanenter Leistungsoptimierer, der versucht, ein möglichst fehlerfreier Mensch zu werden. Sondern aus Freude am Lernen.
Fehler offen zuzugeben macht einen außerdem häufig sympathischer, nicht schwächer.
Denn erstaunlich oft antwortet das Gegenüber:
„Ist mir auch schon passiert.“
Und plötzlich entsteht aus einem Fehler etwas völlig anderes: Verbindung. Austausch. Und vielleicht neues Wissen für beide.
4. Den anderen wirklich zu Wort kommen lassen
Zuhören bedeutet nicht nur, still zu sein, während der andere spricht. Es bedeutet auch, einem Menschen genügend Raum zu geben, seine eigenen Gedanken tatsächlich auszudrücken.
Wir sind es gewohnt, dass unsere Worte sofort eingeordnet und bewertet werden.
Deshalb lernen wir mit der Zeit ziemlich gut, bestimmte Gedanken lieber für uns zu behalten.
Wir überlegen vorher:
„Wenn ich das jetzt sage, reagiert die andere Person bestimmt schlecht.“
Und dann sagen wir es nicht.
Aus meiner Erfahrung werden allerdings viele Dinge, bei denen wir vorher befürchten, dass sie völlig falsch aufgenommen werden, in Wirklichkeit wesentlich besser aufgenommen als gedacht.
Damit meine ich nicht, dass wir jeden Gedanken ungefiltert aussprechen sollten.
Es geht vielmehr darum, Gespräche zu ermöglichen, in denen Menschen tatsächlich sagen dürfen, was sie denken.
Denn erst wenn die wirklichen Positionen beider Menschen auf dem Tisch liegen, können wir überhaupt herausfinden, wo ein gemeinsamer Konsens liegen könnte.
Und vielleicht entsteht dann eine Lösung, von der beide profitieren.
5. Kritik, Verurteilung und Klagen
Ein zentraler Gedanke bei Carnegie ist, dass Kritik und Verurteilung häufig nicht die Veränderung bewirken, die wir uns davon versprechen. Statt den anderen zu verstehen, gehen Menschen schnell in Verteidigung oder Rechtfertigung.
Kritik und Verurteilung haben für mich schnell etwas von oben Herabsetzendes.
Wir tun dabei häufig so, als wüssten wir genau, warum ein anderer Mensch etwas getan hat – und als hätten wir an seiner Stelle selbstverständlich besser gehandelt.
Der Mensch ist allerdings sehr komplex.
Die Gründe für eine Handlung, die aus unserer Sicht schlecht, falsch oder unverständlich erscheint, liegen häufig wesentlich tiefer, als wir zunächst denken.
Trotzdem sind wir schnell empört.
Interessant finde ich dabei schon das sprachliche Bild des Sich-Erhebens: In der Empörung steckt für mich genau dieses Bild – sich über etwas oder jemanden zu erheben.
Vielleicht lohnt sich genau dort die Gegenbewegung:
Wieder herunterkommen – auf die berühmte Augenhöhe.
Und dann wäre da noch das Klagen.
Vielleicht sind wir in Deutschland darin besonders geübt. Nur löst Klagen meistens kein Problem.
Im Gegenteil: Wir beschäftigen uns immer wieder mit dem Problem, verstärken unsere eigene Verstimmung und ziehen häufig andere Menschen mit hinein.
Wenn nicht – warum machst du es dann selbst?
Das bedeutet nicht, Schwierigkeiten schönzureden oder berechtigte Kritik zu verschweigen. Aber irgendwann stellt sich die Frage, ob ich gerade noch über ein Problem spreche, um etwas daran zu verändern – oder nur noch darüber spreche, dass es existiert.
6. Die Perspektive des anderen einnehmen
Es reicht nicht immer, lediglich zu akzeptieren, dass jemand anders denkt. Der schwierigere Schritt besteht darin, verstehen zu wollen, wie seine Sichtweise überhaupt entstanden ist.
Unser Gehirn liebt Abkürzungen.
Deshalb geht es häufig schnell den Weg der Kritik, Verurteilung und des Klagens.
Viel anstrengender ist es, für einen Moment aus dem eigenen Denken herauszutreten und wirklich zu versuchen, den Standpunkt des anderen zu verstehen.
Wenn wir das schaffen, stellen wir manchmal fest, dass wir die Dinge unter denselben Voraussetzungen vielleicht gar nicht so anders sehen würden.
Das bedeutet nicht, automatisch zuzustimmen.
Es bedeutet zunächst nur, verstehen zu wollen.
Dabei helfen mir zwei Fragen besonders:
Woher weißt du, dass es wirklich so ist?
Diese beiden Fragen klingen ähnlich, sind aber nicht dasselbe.
Die erste beschäftigt sich mit unserer Überzeugung. Die zweite mit ihrer Grundlage.
Und das Spannende daran ist: Diese Fragen können nicht nur beim anderen etwas auslösen.
Wenn wir sie ernst meinen, müssen wir bereit sein, sie genauso auf unsere eigenen Überzeugungen anzuwenden.
Genau dadurch können sich manchmal erstaunlich schnell Verwicklungen lösen – beim anderen Menschen, aber genauso bei uns selbst.
Vielleicht braucht gute Kommunikation weniger Regeln, als wir denken
Beim erneuten Nachdenken über Carnegies Gedanken fällt mir auf, dass viele seiner Regeln letztlich auf etwas Ähnliches hinauslaufen.
Zuhören. Weniger vorschnell urteilen. Fehler eingestehen. Den anderen zu Wort kommen lassen. Seine Perspektive verstehen wollen.
Ich mag Carnegies Buch, weil viele dieser Gedanken auch Jahrzehnte später noch erstaunlich aktuell wirken.
Gleichzeitig glaube ich, dass gute Kommunikation nicht darin besteht, möglichst viele Gesprächstechniken auswendig zu lernen.
Vielleicht beginnt sie viel früher – bei einer bestimmten Haltung.
Ich könnte mich irren.
Du könntest etwas wissen, das ich nicht weiß.
Und vielleicht lohnt es sich, noch eine Frage zu stellen.
Wer einem anderen Menschen mit dieser Haltung begegnet, muss nicht jedes Gespräch gewinnen.
Vielleicht gewinnt er stattdessen etwas Interessanteres: eine Perspektive, die er vorher noch nicht kannte.