Impulse

Gedanken, die weiterführen.

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Eine Erklärung ist noch keine Entschuldigung

Eine Erklärung ist noch keine Entschuldigung

Was verändert sich, wenn wir verstehen, warum ein Mensch etwas getan hat? Vielleicht unser Blick auf ihn. Aber nicht unbedingt das, was passiert ist.

Wenn sich etwas erklärt

In einer Erklärung steckt für mich zunächst etwas ganz Einfaches: Etwas erklärt sich. Die Sicht darauf wird klarer.

Wir erfahren etwas über die Vergangenheit eines Menschen, seine Beweggründe, sein Wissen oder die Situation, in der er sich befand. Plötzlich können wir besser nachvollziehen, warum er so gehandelt hat.

Eine Erklärung ist dabei ein bisschen wie eine Landkarte: Sie hilft uns zu verstehen, wie jemand an einen bestimmten Ort gekommen ist. Aber sie verändert nicht den Ort, an dem er angekommen ist.

Eine Erklärung kann meinen Blick auf eine Handlung verändern. Sie verändert nicht automatisch die Folgen dieser Handlung.

Die Bewertung kann sich ändern – die Realität nicht

Stellen wir uns zwei Menschen vor, die denselben Schaden verursachen.

Der erste wusste genau, was passieren würde, hätte jederzeit anders handeln können und entschied sich trotzdem dafür.

Der zweite verursacht denselben Schaden, konnte die Situation aufgrund seines Wissens, seiner Erfahrungen oder seiner damaligen Möglichkeiten aber wesentlich schlechter einschätzen.

Der Schaden ist bei beiden derselbe.

Trotzdem merke ich bei mir selbst: Dem zweiten Menschen gegenüber werde ich innerlich weicher.

Empathisch verändert sich meine Bewertung. Kognitiv betrachtet bleibt die Realität aber dieselbe.

Die Bewertung ist eine andere. Die Realität bleibt die gleiche.

Vielleicht ist es wie bei einer Wunde: Zu verstehen, wie sie entstanden ist, kann vieles erklären. Aber die Erklärung lässt die Wunde nicht verschwinden.

Verstehen bedeutet nicht gutheißen

Genau deshalb kann ich versuchen, einen Menschen und die Gründe für sein Verhalten zu verstehen und gleichzeitig sagen:

Was du getan hast, war trotzdem falsch.

Für mich widerspricht sich das nicht.

Im Gegenteil: Je mehr ich über die Ursachen eines Verhaltens weiß, desto weniger muss ich vielleicht vorschnell über den Menschen urteilen. Ich muss deshalb aber nicht plötzlich sein Verhalten akzeptieren.

Vielleicht ermöglicht gerade diese Trennung einen ehrlicheren Blick: den Menschen nicht auf seine Handlung zu reduzieren und die Handlung trotzdem nicht kleinzureden.

Und wer beendet eigentlich die Schuld?

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch unsere Sprache.

Wir sagen häufig:

„Da muss ich mich entschuldigen.“

Ich stolpere immer wieder über diesen Satz. Denn wenn ich „Entschuldigung“ gedanklich als ein Ende von Schuld betrachte, stellt sich für mich eine Frage:

Kann ich meine Schuld gegenüber einem anderen Menschen eigentlich selbst beenden?

Ich kann sagen, dass mir etwas leidtut. Ich kann anerkennen, dass ich falsch gehandelt habe. Ich kann erklären, wie es dazu gekommen ist. Und ich kann den anderen um Entschuldigung bitten.

Aber ob mein Gegenüber mich von dieser Schuld entbindet, kann ich nicht für ihn entscheiden.

Deshalb achte ich weniger darauf, ob jemand die perfekten Worte für eine Entschuldigung findet. Mich interessiert vielmehr, was dahintersteht:

Möchte jemand gerade vor allem sein eigenes unangenehmes Schuldgefühl loswerden? Oder tut ihm wirklich leid, was passiert ist?

Vielleicht müssen zwei Dinge gleichzeitig wahr sein dürfen

Wir suchen häufig nach einer eindeutigen Einordnung: schuldig oder unschuldig, richtig oder falsch, Verständnis oder Ablehnung.

Vielleicht dürfen manchmal aber zwei Dinge gleichzeitig wahr sein.

Ich kann verstehen, warum du so gehandelt hast.
Und trotzdem war das, was passiert ist, nicht in Ordnung.

Eine Erklärung muss eine Handlung nicht entschuldigen. Aber sie kann uns helfen, den Menschen dahinter besser zu verstehen.