Wenn wir uns verändern möchten, beginnen wir häufig mit einer sehr praktischen Frage:
Was muss ich anders machen?
Mich interessiert inzwischen aber fast noch mehr eine Frage davor:
Weiß ich eigentlich, in welche Richtung ich mich verändern möchte – und warum?
Für mich gehört Selbsterkenntnis deshalb zu den bedeutendsten Grundlagen persönlicher Entwicklung.
Nicht, weil ich glaube, dass wir uns erst vollständig durchschauen müssten,
bevor wir einen einzigen Schritt machen dürfen.
Sondern weil ich glaube, dass wir mit zunehmender Selbsterkenntnis besser unterscheiden können,
welche Veränderungen tatsächlich zu uns passen und welche vielleicht nur neuen Erwartungen,
Rollen oder Vorstellungen entsprechen.
Dabei gefällt mir schon das Wort Entwicklung.
Im Wort steckt tatsächlich das „Wickeln“.
„Wickeln“ geht sprachgeschichtlich auf mittelhochdeutsch wickeln
beziehungsweise Wickel zurück.
[1]
Daraus folgt etymologisch natürlich nicht,
dass Entwicklung wörtlich das „Ende der Verwicklung“ bedeutet.
Für mich liegt darin aber ein schönes Bild:
Vielleicht besteht Entwicklung manchmal gar nicht darin,
immer mehr auf uns draufzupacken.
Vielleicht besteht sie auch darin,
etwas abzuwickeln.
Erwartungen.
Anpassungen.
Rollen.
alte Geschichten.
Vorstellungen darüber, wer wir sein sollten.
Meine Ausgangsposition ist:
Nicht vollständig.
Aber je mehr ich von mir erkenne,
desto besser kann ich prüfen,
ob der Weg, den ich einschlage,
tatsächlich zu mir passt.
Die philosophische Perspektive
Schon an dieser Stelle entsteht allerdings ein Problem:
Diese Frage möchte ich hier bewusst nicht abschließend beantworten.
In der Philosophie gibt es bis heute keine allgemein akzeptierte Erklärung dafür, was persönliche Identität über die Zeit ausmacht. Manche Positionen betonen psychologische Kontinuität, andere körperliche beziehungsweise biologische Kontinuität, wieder andere bezweifeln, dass sich unser Fortbestehen überhaupt mit einem einzigen Kriterium erklären lässt. [2]
Genau das finde ich interessant.
Denn wir verändern uns ununterbrochen.
Unser Körper verändert sich. Unser Wissen verändert sich. Beziehungen verändern sich. Überzeugungen können sich verändern. Unser Verhalten verändert sich. Und trotzdem erleben wir häufig eine gewisse Kontinuität:
Trotz Veränderung bin ich noch immer ich.
Das bekannte Flussbild, das mit Heraklit verbunden wird, passt für mich deshalb gut: Wir steigen niemals zweimal in exakt denselben Fluss. Das Wasser ist weitergeflossen.
Und trotzdem nennen wir ihn denselben Fluss.
Vielleicht ist genau das eine interessante Möglichkeit, über das Selbst nachzudenken:
Nicht unbedingt als etwas, das sich überhaupt nicht verändert, sondern als eine Form von Stabilität, die innerhalb all dieser Veränderung immer wieder erkennbar wird.
Was taucht in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder auf? Was verändert sich erstaunlich wenig? Welche Haltungen, Interessen, Reaktionsweisen oder Werte scheinen sich durch mein Leben zu ziehen?
Das berühmte „Ich war schon immer so“ kann dabei ein Hinweis sein.
Aber eben nur ein Hinweis.
Denn wir erzählen uns selbst auch Geschichten über uns. Und wer lange genug überzeugt ist, „schon immer“ auf eine bestimmte Weise gewesen zu sein, findet vermutlich genügend Erinnerungen, die genau dieses Bild bestätigen.
Philosophisch gibt es außerdem eine Gegenposition zu meiner Vorstellung eines bereits vorhandenen Kerns.
Existenzialistische Ansätze betonen stärker, dass Menschen nicht lediglich etwas Vorgegebenes in sich entdecken, sondern durch Entscheidungen und Handlungen daran mitwirken, wer sie werden. Authentizität bedeutet dort gerade nicht zwingend, einen bereits vollständig vorhandenen „wahren Kern“ freizulegen. [3]
Dieser Gedanke widerspricht meiner Ausgangsposition zunächst.
Aber vielleicht nur teilweise.
Vielleicht wirken wir durch unsere Entscheidungen nicht nur daran mit,
wer wir werden.
Vielleicht wirken wir manchmal auch daran mit,
immer mehr derjenige zu sein,
der wir bereits waren.
Raus aus Erwartungen. Raus aus übernommenen Rollen. Raus aus Vorstellungen darüber, wie man sein sollte.
Und vielleicht näher an etwas, das sich schon lange durch das eigene Leben zieht.
Die psychologische Perspektive
Die Psychologie braucht für diesen Gedanken keinen unveränderlichen Wesenskern.
Sie kann zunächst viel nüchterner fragen:
Bei Persönlichkeitseigenschaften zeigt die Forschung ein interessantes Doppelbild:
Persönlichkeit ist weder vollkommen fest noch beliebig veränderlich.
Längsschnittliche Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale über die Lebensspanne gleichzeitig Stabilität und Veränderung aufweisen. Menschen bleiben in wichtigen Merkmalen relativ wiedererkennbar, während sich durchschnittliche Ausprägungen und teilweise auch ihre relative Position gegenüber anderen verändern können. [4]
Genau dieser Gedanke passt erstaunlich gut zu meiner Vorstellung:
Veränderung und Stabilität müssen keine Gegensätze sein.
Ein weiteres interessantes Konzept ist die Self-Concept Clarity, also die Klarheit des eigenen Selbstkonzepts.
Gemeint ist damit, wie klar, konsistent und über die Zeit stabil die eigenen Vorstellungen über sich selbst erlebt werden. [5]
Wichtig finde ich daran: Klarheit bedeutet nicht automatisch, dass das, was ich über mich erkenne, positiv sein muss.
Ich kann beispielsweise erkennen:
Ja. Ungeduld gehört ziemlich zuverlässig zu mir.
Diese Erkenntnis zwingt mich nicht dazu, für den Rest meines Lebens ungeduldig zu bleiben.
Im Gegenteil.
Vielleicht ermöglicht mir erst die Erkenntnis, bewusst zu entscheiden, ob mich dieser Anteil stört und ob ich lernen möchte, anders mit ihm umzugehen.
Gleichzeitig steckt darin eine Schwierigkeit:
Ein stabiles Selbstbild muss nicht automatisch ein zutreffendes Selbstbild sein.
Jemand kann seit zwanzig Jahren sagen: „Ich war schon immer schüchtern.“
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht erinnert und interpretiert er sein Leben aber auch besonders zuverlässig in einer Weise, die diese Geschichte bestätigt.
Deshalb halte ich die Wahrnehmung anderer Menschen für so wertvoll.
Wenn ich eine Eigenschaft an mir selbst sehe und sie mir gleichzeitig von sehr unterschiedlichen Menschen gespiegelt wird, entsteht zumindest ein weiterer Hinweis darauf, dass dort tatsächlich ein relativ stabiles Muster liegen könnte.
Umgekehrt können andere Menschen auch etwas sichtbar machen, das durch unser eigenes Selbstbild verdeckt wird.
Wer beispielsweise sehr negativ über sich denkt, kann Fähigkeiten oder Eigenschaften übersehen, die für andere längst selbstverständlich sichtbar sind.
Vielleicht erkennen wir uns deshalb nicht nur im Spiegel, sondern manchmal auch im Gegenüber.
Auch das Gefühl von Stimmigkeit ist psychologisch interessant.
Forschung zu Authentizität beschäftigt sich unter anderem mit Autonomie, Kongruenz und dem Erleben, sich in bestimmten Situationen „wie man selbst“ zu fühlen. Dieses Authentizitätserleben kann sich sogar innerhalb derselben Person zwischen verschiedenen sozialen Situationen unterscheiden. [6]
Dabei bedeutet ein gutes oder stimmiges Gefühl natürlich nicht automatisch:
Das ist mein wahres Selbst.
Auch etwas sehr früh Gelerntes kann sich irgendwann vollkommen vertraut und richtig anfühlen.
Ein Kind kann beispielsweise lernen: Wenn ich besonders hilfreich bin, bekomme ich Anerkennung.
Jahre später kann dieses Verhalten so selbstverständlich geworden sein, dass kaum noch zu erkennen ist, welcher Anteil Freude, welcher Gewohnheit und welcher vielleicht alte Anpassung ist.
Genauso kann ein Kind aber auch etwas tun, ohne dafür Anerkennung zu erwarten – schlicht, weil es ihm Freude macht.
Vollständig auseinanderhalten werden wir diese Einflüsse vermutlich selten.
Aber vielleicht müssen wir das auch nicht.
Die praktische Perspektive
Für das tatsächliche Leben interessiert mich deshalb weniger, ob ich mein Selbst jemals zu hundert Prozent erkennen kann.
Vermutlich kann ich es nicht.
Vielleicht ist vollständige Selbsterkenntnis ohnehin weniger ein erreichbarer Zustand als eine lebenslange Annäherung.
Die praktischere Frage lautet:
Für mich sind inzwischen drei Marker besonders hilfreich:
Keiner dieser Punkte beweist, dass ich gerade meinen unveränderlichen „Kern“ gefunden habe.
Gemeinsam geben sie mir aber eine brauchbare Orientierung.
Und irgendwann muss Orientierung ausreichen.
Denn auch Selbsterkenntnis kann ins Gegenteil kippen.
Wenn ich jede Regung, jede Entscheidung und jedes Gefühl sofort wieder analysiere, kann aus Selbstreflexion irgendwann permanente Selbstbeobachtung werden.
Interessanterweise fand bereits die ursprüngliche Forschung zur Self-Concept Clarity Zusammenhänge zwischen geringer Klarheit des Selbstkonzepts und chronischer Selbstanalyse beziehungsweise einer grübelnden Form selbstgerichteter Aufmerksamkeit. Daraus lässt sich keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Es zeigt aber, dass mehr Selbstfokus nicht automatisch mehr Selbsterkenntnis bedeutet. [5]
Wer sich selbst erkennen möchte, sollte sich nicht so lange zerlegen, bis nichts mehr übrig bleibt, das einfach erlebt werden darf.
Vielleicht braucht Selbsterkenntnis deshalb eine Bewegung in beide Richtungen:
Nach innen schauen.
Und wieder nach außen gehen.
Etwas erkennen. Handeln. Erfahrung machen. Beobachten, wie es sich anfühlt. Rückmeldung bekommen. Und später erneut hinschauen.
So entsteht für mich Entwicklung weniger wie eine gerade Linie und mehr wie ein fortlaufender Kreislauf.
Besonders wichtig wird das dort, wo Denken und Handeln auseinanderfallen.
Ich kann mir beispielsweise sagen, Fairness sei mir wichtig.
Wenn ich aber konsequent unfair handle, sobald Fairness für mich selbst unangenehm wird, entsteht eine offensichtliche Spannung.
Umgekehrt kann ich jahrelang auf eine Weise handeln, die überhaupt nicht zu dem passt, was ich innerlich eigentlich möchte.
Je näher inneres Erleben, Denken und tatsächliches Handeln zusammenkommen, desto eher kann ein Gefühl von Stimmigkeit entstehen.
Nicht als endgültiger Beweis.
Sondern als Richtung.
Veränderung bedeutet nicht, gegen das Selbst zu arbeiten
Damit verändert sich auch meine ursprüngliche Frage.
Denn Veränderung passiert ohnehin.
Ich werde älter. Ich mache Erfahrungen. Menschen kommen in mein Leben und verschwinden wieder. Mein Körper verändert sich. Mein Wissen verändert sich. Situationen verändern sich.
Stillstand ist wahrscheinlich eher eine Vorstellung als ein tatsächlicher Zustand.
Die eigentliche Frage ist für mich deshalb nicht:
Verändere ich mich?
Sondern:
Mein zukünftiges Ich kann dabei eine interessante Perspektive liefern.
Was würde ich mir wünschen, dass diese zukünftige Version von mir einmal über meine heutige Entscheidung sagen kann?
Gleichzeitig kann ich zurückschauen:
Kenne ich diese Situation von mir? Was habe ich früher getan? Was davon hat zu mir gepasst? Was davon war vielleicht nur eine alte Verwicklung?
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden damit nicht zu drei verschiedenen Menschen.
Sie werden zu drei Blickwinkeln auf dieselbe fortlaufende Entwicklung.
Vielleicht besteht Entwicklung nicht nur darin,
jemand anderes zu werden.
Vielleicht besteht sie manchmal darin,
immer genauer zu erkennen,
wie ich als ich selbst leben möchte.
Hat sich meine Sicht verändert?
Im Kern eigentlich nicht.
Aber sie ist vorsichtiger geworden.
Ich glaube weiterhin, dass es in uns relativ stabile Anteile gibt.
Etwas, das sich trotz wechselnder Situationen, Rollen, Beziehungen und Lebensphasen immer wieder zeigt.
Ob man dieses Etwas wirklich als Selbst, als Kern, als Mitte oder ganz anders bezeichnen möchte, möchte ich an dieser Stelle offenlassen.
Ich glaube auch weiterhin, dass Entwicklung etwas mit Ent-wicklung zu tun haben kann:
mit dem Lösen von Schichten, Erwartungen, alten Anpassungen und Vorstellungen, die den Blick auf uns selbst erschweren.
Gleichzeitig ist mir wichtiger geworden, dass auch das, was sich vollkommen stimmig anfühlt, gelernt sein kann.
Scheinbare Gegensätze müssen sich dabei nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen.
Etwas kann zu mir gehören und trotzdem veränderbar sein.
Etwas kann gelernt sein und sich trotzdem stimmig anfühlen.
Eine Eigenschaft kann unangenehm sein und trotzdem ehrlich zu mir gehören.
Ein Gedanke kann sich zunächst „gut“ oder „schlecht“ anfühlen – und ist auf einer grundlegenden Ebene trotzdem zunächst einmal ein Gedanke, dem wir anschließend Bedeutung und Bewertung geben.
Vielleicht müssen wir deshalb auch bei der Selbsterkenntnis nicht jeden Widerspruch auflösen.
Manchmal reicht es, zu erkennen, wie groß die jeweiligen Anteile gerade sind.
Und dann irgendwann zu handeln.
Für mich bleibt deshalb eine praktische Orientierung:
Vielleicht ist das kein Beweis dafür, dass ich mein „wahres Selbst“ gefunden habe.
Aber vielleicht ist es genug, um einen nächsten Schritt zu gehen, der sich möglichst wenig gegen mich selbst richtet.
Ich muss mich vielleicht nicht vollständig erkennen,
bevor ich mich verändern kann.
Aber je mehr ich von mir erkenne,
desto eher kann Veränderung zu einer Entwicklung werden,
die sich tatsächlich nach mir anfühlt.
Quellen & weiterführende Literatur
Die folgenden Quellen bilden die Grundlage für die sprachgeschichtlichen, philosophischen und psychologischen Abschnitte dieses Beitrags. Die Vorstellung eines persönlichen „Kerns“ und die daraus abgeleiteten Bilder sind als persönliche beziehungsweise philosophische Überlegungen zu verstehen.
[1] Duden – „wickeln“ und „Entwicklung“
Wortbedeutung und sprachgeschichtliche Herkunft von „wickeln“; Grundlage für das im Beitrag verwendete Bild von Entwicklung und Verwicklung.
https://www.duden.de/rechtschreibung/wickeln[2] Stanford Encyclopedia of Philosophy – Personal Identity
Überblick über philosophische Fragen zur persönlichen Identität und zu unterschiedlichen Auffassungen von Kontinuität über die Zeit.
https://plato.stanford.edu/entries/identity-personal/[3] Stanford Encyclopedia of Philosophy – Existentialism & Authenticity
Philosophische Einordnung existenzialistischer Vorstellungen von Freiheit, Authentizität und der Frage, ob das Selbst eher entdeckt oder durch das eigene Leben mitgestaltet wird.
https://plato.stanford.edu/entries/existentialism/[4] Bleidorn et al. – Personality stability and change
Meta-Analyse longitudinaler Forschung zur Stabilität und Veränderung von Persönlichkeitseigenschaften über die Lebensspanne.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35834197/[5] Campbell et al. – Self-Concept Clarity
Grundlegende Arbeit zum Konzept der Self-Concept Clarity: Klarheit, innere Konsistenz und zeitliche Stabilität der eigenen Selbstüberzeugungen.
https://doi.org/10.1037/0022-3514.70.1.141[6] Ryan & Ryan – Authenticity, autonomy and congruence
Überblicksarbeit zu Authentizität aus Perspektive der Self-Determination Theory und zur Bedeutung von Autonomie, Kongruenz und sozialem Kontext.
https://doi.org/10.1037/gpr0000162[7] Garfinkel – Interoceptive Mechanisms and Emotional Processing
Überblick über Interozeption, also die Wahrnehmung innerer Körpersignale, und deren Rolle für Emotionen. Relevant als wissenschaftliche Einordnung körperlich erlebter „Stimmigkeit“, ohne diese als objektiven Zugang zu einem „wahren Selbst“ zu interpretieren.
https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-psych-020924-125202