Impulse

Gedanken, die weiterführen.

Bücher, eigene Überlegungen und unterschiedliche Perspektiven auf Menschen, Kommunikation und Veränderung.

Sind wir alle noch Kinder?

Perspektivimpuls

Sind wir alle noch Kinder?

Vielleicht verschwindet das Kind, das wir einmal waren, nie vollständig. Die spannendere Frage könnte deshalb sein: Welchen Platz geben wir diesem Teil unserer Geschichte heute?

Ein 87-Jähriger, der plötzlich wieder acht ist

Vor einiger Zeit erzählte mir ein 87-jähriger Mann eine Geschichte aus seiner Kindheit. Während er davon berichtete, musste er so lachen, als wäre das Ganze gerade erst passiert.

Für einen kurzen Moment war da nicht nur der alte Mann vor mir. Da war auch etwas von dem Jungen, der diese Situation Jahrzehnte zuvor erlebt hatte.

Seitdem beschäftigt mich eine einfache Frage:

Sind wir irgendwann wirklich keine Kinder mehr?

Natürlich verändert sich im Laufe eines Lebens sehr viel. Unser Körper entwickelt sich. Wir sammeln Erfahrungen. Wir übernehmen Verantwortung. Wir lernen, planen, entscheiden, führen Beziehungen und gehen mit Folgen unseres Handelns um.

Und trotzdem tauchen auch später noch Reaktionen auf, die erstaunlich vertraut wirken: schmollen, weglaufen, sich verstecken, nicht mehr sprechen, unbedingt recht behalten wollen oder sich nach Sicherheit sehnen.

Gleichzeitig bleiben aber auch andere Dinge: Neugier. Spiel. Staunen. Albernheit. Begeisterung.

Vielleicht ist das Kindliche also weder etwas, das vollständig überwunden werden muss, noch etwas, das jede heutige Reaktion erklärt.

Das „innere Kind“ ist ein hilfreiches Bild – aber eben ein Bild

Der Begriff des „inneren Kindes“ ist heute fast überall zu finden. Oft wird damit beschrieben, dass frühe Erfahrungen, Bedürfnisse oder Verletzungen auch im Erwachsenenalter noch eine Rolle spielen können.

Im Kern finde ich daran etwas sehr Verständliches. Unsere Kindheit gehört schließlich zu unserer Geschichte. Früh gelernte Reaktionen verschwinden nicht automatisch, nur weil auf dem Personalausweis irgendwann ein anderes Alter steht.

Schwieriger wird es für mich dort, wo aus einer hilfreichen Metapher eine vollständige Erklärung wird.

Wenn jede Unsicherheit, jeder Konflikt und jede unangenehme Emotion auf ein verletztes inneres Kind zurückgeführt wird, wird ein erwachsener Mensch schnell auf einen kleinen Ausschnitt seiner Biografie reduziert.

Unsere Kindheit kann erklären helfen, wie etwas begonnen hat. Sie erklärt nicht automatisch alles, was seitdem daraus geworden ist.

Eric Berne hat mein Denken darüber stärker geprägt

Passender finde ich bis heute das Modell von Eric Berne, das ich bereits in einem früheren Seminar näher betrachtet habe.

In der Transaktionsanalyse unterscheidet Berne vereinfacht zwischen Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich.

Dabei geht es gerade nicht darum, dass irgendwo in uns ein einzelnes „inneres Kind“ sitzt, das für alles verantwortlich ist.

Vielmehr können unterschiedliche Denk-, Gefühls- und Verhaltenszustände je nach Situation stärker in den Vordergrund treten.

Genau dieser Gedanke hat mein eigenes Verständnis nachhaltig beeinflusst: Menschen bestehen nicht aus nur einem Anteil. Unterschiedliche Erfahrungen, Regeln, Bedürfnisse und heutige Fähigkeiten wirken gleichzeitig zusammen.

Das Kindliche darf also mitreden. Es muss nicht allein entscheiden.

Was damals geholfen hat, muss heute nicht mehr helfen

Besonders interessant wird Kindheit für mich dort, wo wir heutige Verhaltensweisen kaum verstehen können.

Vielleicht war Rückzug früher einmal eine sinnvolle Strategie. Vielleicht war Schweigen sicherer als Widersprechen. Vielleicht brachte Anpassung Anerkennung.

Dann kann es hilfreich sein, sich zu fragen: Woher kenne ich dieses Verhalten eigentlich?

Aber selbst wenn wir einen plausiblen Ursprung finden, entsteht daraus noch keine Verpflichtung, dieselbe Lösung heute weiterzuführen.

Eine frühere Lösungsstrategie darf damals sinnvoll gewesen sein und heute trotzdem eine neue Antwort brauchen.

Genau hier wird für mich auch der Satz „Das kommt aus deiner Kindheit“ schnell zu klein.

Denn wenn zwischen einem Ereignis und meinem heutigen Leben zehn, fünfzehn oder dreißig Jahre liegen, dann ist in dieser Zeit ebenfalls sehr viel passiert.

Beziehungen. Erfahrungen. Erfolge. Rückschläge. neue Überzeugungen. neue Fähigkeiten. weitere Anpassungen.

Es wäre erstaunlich, wenn all das keinerlei Wirkung gehabt hätte.

Unsere Vergangenheit ist keine Videoaufnahme

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Erinnerung funktioniert nicht wie eine Kamera.

Wenn wir heute an ein Erlebnis aus unserer Kindheit zurückdenken, greifen wir nicht einfach auf eine unveränderte Aufnahme zurück. Autobiografische Erinnerung wird rekonstruiert.

Heute besitzen wir andere Begriffe, anderes Wissen, einen anderen Körper und Jahrzehnte zusätzlicher Erfahrungen.

Das bedeutet nicht, dass unsere Erinnerungen wertlos sind.

Sie können wichtige Hinweise geben.

Nur sollten wir vorsichtig werden, wenn aus einem heutigen Erinnerungsbild eine vollständig gesicherte Erklärung für unser heutiges Leben werden soll.

Vergangenheit kann Hinweise liefern. Sie muss nicht zur einzigen Erklärung unserer Gegenwart werden.

Welche Geschichte erzählen wir über uns selbst?

Manchmal stelle ich Menschen eine Frage, wenn eine alte Geschichte sehr viel Raum im heutigen Selbstbild einnimmt:

Wenn du einem fremden Menschen nichts von dieser Geschichte erzählen würdest – wie würde er dich dann sehen?

Der Gedanke dahinter ist nicht, etwas zu verdrängen oder die eigene Geschichte zu verleugnen.

Es geht eher darum, wahrzunehmen, wie wir unsere eigene Erzählung manchmal selbst weitertragen.

Andere Menschen wissen zunächst nur das über uns, was sie beobachten können und was wir ihnen erzählen.

Wenn ich mich immer wieder mit derselben Erklärung vorstelle – „Ich bin eben unsicher.“ „Ich wurde damals verletzt.“ „Seitdem bin ich so.“ – kann diese Geschichte irgendwann selbst zu einem Rahmen werden, durch den neue Erfahrungen eingeordnet werden.

Vielleicht muss ich diese Geschichte gar nicht loswerden.

Vielleicht reicht manchmal schon die bewusste Entscheidung: Muss sie in dieser neuen Situation überhaupt erzählt werden?

Denn eine neue Begegnung kann auch eine Gelegenheit sein, einmal zu beobachten, was passiert, wenn der andere meine alte Erklärung noch gar nicht kennt.

Und was ist mit dem glücklichen Kind?

Beim Begriff „inneres Kind“ fällt erstaunlich schnell das Wort Verletzung.

Aber wenn unsere Kindheit Teil von uns bleibt, warum sollten wir dann ausschließlich auf ihre Wunden schauen?

Was ist mit dem Kind, das auf einem Bordstein balanciert?

Mit dem Kind, das etwas baut, nur um es kurz darauf wieder zu zerstören?

Mit einer Sandburg, deren Wert nicht darin liegt, sie möglichst lange zu besitzen, sondern darin, sie überhaupt gebaut zu haben?

Vielleicht verlieren wir beim Erwachsenwerden manchmal weniger unsere Kindlichkeit als vielmehr unsere Erlaubnis dazu.

Wir werden ernster. zweckorientierter. produktiver. verantwortlicher.

Verantwortung gehört zum Erwachsenwerden. Aber Ernsthaftigkeit muss nicht jede Form von Spiel ersetzen.

Vielleicht besteht Erwachsenwerden nicht darin, das Kindliche hinter sich zu lassen, sondern unterscheiden zu lernen, was davon uns heute noch bereichert und was heute eine neue Antwort braucht.

Vielleicht geht es weniger ums „Heilen“

Auch mit der Formulierung „Heile dein inneres Kind“ tue ich mich deshalb schwer.

„Heilen“ setzt bereits voraus, dass etwas eindeutig kaputt ist.

Vielleicht gibt es Erfahrungen, deren Folgen lange spürbar bleiben. Vielleicht verändert uns manches dauerhaft.

Aber Heilung muss nicht bedeuten, zu einem früheren Zustand zurückzukehren.

Manchmal geht es eher darum, etwas zu verstehen, neue Erfahrungen zuzulassen, anders zu handeln oder einer alten Reaktion heute einen neuen Platz zu geben.

Vergangenheit verstehen kann hilfreich sein.

Leben können wir trotzdem nur im gegenwärtigen Moment.

Was passiert gerade jetzt in mir – und welche Möglichkeit habe ich heute?

Sind wir also alle noch Kinder?

Ich würde inzwischen weiterhin sagen: irgendwie schon.

Nicht, weil wir im Erwachsenenalter noch dieselben Menschen wären, die wir mit fünf oder zehn Jahren waren.

Sondern weil dieses Kind Teil unserer Geschichte bleibt.

In unseren Erinnerungen. In manchen Reaktionen. In Vorlieben. In Geschichten. In Ängsten. Aber hoffentlich auch in Neugier, Humor, Spiel und Begeisterungsfähigkeit.

Die bessere Frage ist für mich deshalb inzwischen weniger, ob das Kind noch da ist.

Die spannendere Frage ist: Welchen Platz geben wir ihm heute?

Achten wir hauptsächlich auf seine alten Verletzungen? Oder erlauben wir auch seiner Neugier, seinem Spiel und seiner Leichtigkeit wieder mehr Raum?

Unsere Kindheit bleibt Teil unserer Geschichte. Aber sie ist nicht unsere ganze Geschichte.