Impulse

Gedanken, die weiterführen.

Bücher, eigene Überlegungen und unterschiedliche Perspektiven auf Menschen, Kommunikation und Veränderung.

Warum lernen wir so wenig darüber, wie Wirklichkeit für uns entsteht?

Buchimpuls · Paul Watzlawick

„Die erfundene Wirklichkeit“ – warum lernen wir so wenig darüber, wie Wirklichkeit für uns entsteht?

Manche Bücher hinterlassen bei mir vor allem Antworten. Dieses hat eher dafür gesorgt, dass eine Frage größer geworden ist: Wie sicher können wir eigentlich sein, dass das, was wir für Wirklichkeit halten, tatsächlich das Ganze ist?

Ich kannte jedes Wort – und verstand den Satz trotzdem kaum.

Beim Lesen von Paul Watzlawicks „Die erfundene Wirklichkeit“ gab es mehrere Stellen, die ich zwei- oder dreimal gelesen habe.

Nicht, weil dort Fremdwörter standen, die ich noch nie gehört hatte. Teilweise kannte ich jedes einzelne deutsche Wort. Und trotzdem verstand ich den Gedanken dahinter zunächst kaum.

Das Buch bewegt sich durch Bereiche wie Psychologie, Biologie, Mathematik, Erkenntnistheorie und andere Wissenschaften. Je weiter ich gelesen habe, desto weniger hatte ich dabei das Gefühl, endlich zu verstehen, wie die Realität wirklich beschaffen ist.

Fast das Gegenteil ist passiert.

Mir wurde noch deutlicher, wie unfassbar viel Wissen außerhalb dessen existiert, was ein einzelner Mensch überhaupt erfassen kann. Und wie schwierig bereits die Vorstellung ist, wir könnten die Welt irgendwann einfach vollständig und neutral abbilden.

Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit nicht darin, dass wir uns Wirklichkeit konstruieren. Sondern darin, dass wir manchmal vergessen, dass wir es tun.

Unsere Wahrnehmung ist keine Kamera.

Wir bewegen uns häufig durch unseren Alltag, als würden wir Situationen einfach so aufnehmen, wie sie tatsächlich sind.

Jemand sagt einen Satz. Wir hören ihn. Wir verstehen, was gemeint war. Und anschließend reagieren wir auf das, was passiert ist.

So eindeutig funktioniert Wahrnehmung allerdings selten.

Schon unsere Sinne liefern keine vollständige Kopie der Umwelt. Aufmerksamkeit wählt aus. Erfahrungen beeinflussen, was uns auffällt. Sprache gibt Dingen Begriffe. Erinnerungen ergänzen Zusammenhänge. Erwartungen verändern, wie wir Situationen einordnen.

Aus dem, was geschieht, entsteht dadurch nach und nach das, was für uns Wirklichkeit wird.

Das bedeutet für mich nicht, dass außerhalb unserer Wahrnehmung nichts existiert. Eher im Gegenteil: Gerade weil unser Zugang begrenzt ist, kann außerhalb unseres momentanen Blickfeldes etwas liegen, das genauso real und relevant ist – obwohl wir es bisher nicht gesehen haben.

Eine andere Sichtweise verändert nicht automatisch die Welt.

Dabei geht es für mich auch nicht um die Vorstellung, man müsse eine unangenehme Situation einfach schön denken.

Wenn am Monatsende regelmäßig kein Geld mehr vorhanden ist, verändert eine optimistischere Einstellung zunächst keinen Kontostand.

Wenn meine gesamte Aufmerksamkeit allerdings bei dem Gedanken „Ich habe am Ende des Monats sowieso nie genug Geld“ stehen bleibt, kann genau diese Sichtweise meinen Handlungsspielraum klein halten.

Erst wenn weitere Fragen entstehen, werden möglicherweise auch weitere Möglichkeiten sichtbar: Welche Ausgaben habe ich eigentlich? Was davon kann ich beeinflussen? Wo könnte ich Kosten verändern? Welche Möglichkeiten gibt es, mein Einkommen zu erhöhen? Was habe ich bisher noch gar nicht betrachtet?

Die äußere Realität verändert sich dadurch nicht auf magische Weise. Aber meine Wahrnehmung entscheidet mit darüber, welche Möglichkeiten ich in dieser Realität überhaupt erkenne.

Welche Möglichkeit kann ich überhaupt wählen, wenn sie innerhalb meiner bisherigen Sichtweise gar nicht vorkommt?

Auch Bedeutung ist Teil unserer Wirklichkeit.

Besonders sichtbar wird das für mich, wenn Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen auf dieselben grundlegenden Erfahrungen schauen.

Tod und Verlust sind beispielsweise menschliche Erfahrungen, die sich nicht einfach durch eine andere Perspektive auflösen.

Gleichzeitig unterscheiden sich Kulturen darin, welche Bedeutung sie dem Tod geben, welche Rituale damit verbunden sind und wie selbstverständlich Tod und Verstorbene in das gesellschaftliche Leben eingebunden werden.

Trauer bleibt möglich. Schmerz bleibt möglich. Und trotzdem kann sich der gesamte Rahmen verändern, in dem diese Erfahrung verstanden und getragen wird.

Genau deshalb finde ich die Vorstellung interessant, die eigene Wirklichkeit bewusst erweitern zu können.

Nicht indem ich mir etwas angenehmer erkläre, als es ist. Sondern indem ich zusätzliche Teilaspekte, Informationen und Perspektiven überhaupt erst zulasse.

Verstehen verpflichtet nicht zur Zustimmung.

Einer der Punkte, die mich dabei besonders beschäftigen, ist unser Umgang mit anderen Sichtweisen.

Natürlich darf ich eine Meinung haben. Ich darf überzeugt sein. Ich darf etwas richtig oder falsch finden.

Interessant wird es für mich an dem Punkt, an dem meine eigene Sicht zur einzig denkbaren Wirklichkeit wird.

Dann geht es in einem Gespräch häufig nicht mehr darum, die andere Seite wirklich zu verstehen. Es geht darum, die eigene Wirklichkeit zu verteidigen.

Dabei kann ich versuchen, die Perspektive eines anderen Menschen ernsthaft nachzuvollziehen und anschließend trotzdem zu einem anderen Ergebnis kommen.

Vielleicht finden wir einen gemeinsamen Nenner. Vielleicht auch nicht.

Verstehen verpflichtet nicht zur Zustimmung. Aber ohne den Versuch zu verstehen, bleibt mir ein Teil der Wirklichkeit des anderen verschlossen.

Warum lernen wir so wenig darüber, wie Wirklichkeit entsteht?

Dieser Gedanke ist für mich nach dem Buch fast interessanter geworden als die Frage nach einer endgültigen Realität.

Wir lernen unglaublich viel über die Welt. Und das ist wichtig.

Mich beschäftigt trotzdem, wie wenig viele Menschen darüber wissen, wie ihre eigene Wahrnehmung überhaupt entsteht.

Wie begrenzt unsere Sinne arbeiten. Wie schnell Beobachtung und Interpretation ineinandergreifen. Wie Sprache beeinflusst, was wir unterscheiden und beschreiben können. Wie Erinnerung rekonstruiert. Wie Erfahrungen unsere Erwartungen prägen. Und wie sehr andere Menschen dieselbe Situation anders erleben können.

In meinem Umfeld, in Gesprächen und auch in vielen Ausbildungs- und Studienkontexten, mit denen ich bisher Berührung hatte, begegnen solche Fragen häufig nur am Rand.

Warum eigentlich?

Eine abschließende Antwort darauf habe ich nicht. Psychologie ist als eigenständige wissenschaftliche Disziplin vergleichsweise jung. Menschliche Erklärungsmodelle waren über lange Zeit stark durch Religion, Philosophie und kulturelle Traditionen geprägt.

Vielleicht ist ein weiterer Grund aber noch einfacher: Wir brauchen unsere vereinfachten Wirklichkeiten.

Wir könnten gar nicht alles gleichzeitig verstehen.

Das merke ich bei mir selbst ziemlich schnell.

Man kann morgens eine Tasse in die Hand nehmen und Kaffee trinken.

Oder man kann anfangen zu überlegen: Wie wurde diese Tasse hergestellt? Woher kommt das Material? Welche Maschine hat sie geformt? Wer hat diese Maschine gebaut? Woher stammen deren Bestandteile? Warum wurde genau diese Verpackung verwendet? Wie ist die gesamte Lieferkette entstanden?

Und theoretisch könnte jede einzelne Antwort sofort die nächste Frage erzeugen.

Diese Neugier kann unglaublich spannend sein. Gleichzeitig würde ein Mensch im Alltag kaum handlungsfähig bleiben, wenn jeder Gegenstand und jede Situation ständig bis zu ihren letzten Voraussetzungen hinterfragt werden müsste.

Unser Kopf muss reduzieren. Er muss auswählen. Er muss Zusammenhänge herstellen und vieles als gegeben behandeln, damit wir uns überhaupt bewegen können.

Vielleicht ist das also keine Schwäche unserer Wahrnehmung, sondern zunächst eine notwendige Leistung.

Wir brauchen vereinfachte Wirklichkeiten, um handlungsfähig zu bleiben. Hilfreich wird es, wenn wir uns gleichzeitig bewusst halten, dass eine Vereinfachung nie das Ganze sein muss.

Vielleicht ist Objektivität gar nicht das eigentliche Ziel.

Lange könnte man aus all dem den Schluss ziehen, wir müssten einfach versuchen, immer objektiver zu werden.

Inzwischen finde ich einen anderen Gedanken interessanter.

Vielleicht geht es gar nicht darum, den Menschen aus der Wahrnehmung herauszurechnen.

Gefühle, Erfahrungen, Erwartungen, Erinnerungen und persönliche Bedeutungen gehören zu unserem Menschsein.

Spannender finde ich deshalb die Fähigkeit, die eigene Perspektive ernst zu nehmen und gleichzeitig ihre Grenzen zu kennen.

Sagen zu können:

So sehe ich es gerade.
Was könnte es darüber hinaus noch zu sehen geben?

Für mich liegt darin keine Unsicherheit, sondern Beweglichkeit.

Denn sobald eine weitere Perspektive sichtbar wird, entsteht auch eine weitere Möglichkeit, eine Situation zu verstehen oder mit ihr umzugehen.

Was bei mir aus dem Buch hängen geblieben ist.

Watzlawicks Buch hat mir keine einfache Antwort darauf gegeben, was Realität nun wirklich ist.

Gerade deshalb ist es bei mir hängen geblieben.

Der vielleicht stärkste Eindruck war, wie schnell selbst sehr gebildete und fachlich spezialisierte Menschen an die Grenzen ihres Wissens kommen können.

Wissen schützt uns nicht davor, auszuwählen, zu interpretieren und einzuordnen. Es kann uns aber dabei helfen, genauer hinzusehen, bessere Fragen zu stellen und die Grenzen der eigenen Erklärung früher zu bemerken.

Und vielleicht ist genau das eine Form von Reife, die mich deutlich mehr interessiert als der Versuch, irgendwann vollkommen objektiv auf die Welt zu schauen:

Ich möchte mir bewusst halten, dass meine Wirklichkeit nie die einzige mögliche ist.

Nicht um meine eigene Sicht kleinzumachen. Sondern um offen dafür zu bleiben, dass es noch etwas zu verstehen geben könnte.
Buch: Die erfundene Wirklichkeit
Herausgegeben von: Paul Watzlawick
Mein Eindruck: Kein Buch, das mir die Welt einfacher erklärt hat – sondern eines, das meine Sicherheit darüber kleiner gemacht hat, wie vollständig eine einzelne Erklärung überhaupt sein kann.