Impulse

Gedanken, die weiterführen.

Bücher, eigene Überlegungen und unterschiedliche Perspektiven auf Menschen, Kommunikation und Veränderung.

Wo liegt eigentlich meine Grenze?

Manche Grenzen schützen uns. Manche geben uns Orientierung. Und manche existieren vielleicht nur dort, weil wir irgendwann aufgehört haben, sie zu überprüfen.

Eine Grenze kann vieles sein

Wenn wir von Grenzen sprechen, meinen wir damit völlig unterschiedliche Dinge.

Eine Grenze kann aus Vernunft entstehen. Aus früheren Erfahrungen. Aus einer Vorstellung davon, wie etwas sein sollte. Aus Angst. Aus einem limitierenden Glaubenssatz. Oder aus einem sehr realen körperlichen oder äußeren Hindernis.

Grenzen können außerdem etwas sehr Sinnvolles sein. Sie schaffen Orientierung, Ordnung und Schutz.

Vielleicht ist genau das zunächst wichtig:

Nicht jede Grenze ist ein Hindernis, das überwunden werden muss.

Manche Grenzen erschaffen erst Freiheit

Ein Fußballspiel funktioniert gerade deshalb, weil das Spielfeld begrenzt ist und Regeln gelten. Sprache ermöglicht Verständigung, weil Wörter und Grammatik nicht völlig beliebig sind.

Begrenzung und Freiheit sind deshalb nicht zwangsläufig Gegensätze.

Man könnte sogar sagen:

Erst durch das Gesetzte entsteht die Freiheit, sich innerhalb dieses Rahmens zu entscheiden.

Eine interessante Frage ist deshalb nicht nur: Welche Grenze möchte ich überwinden?

Welche Grenze brauche ich vielleicht, damit etwas überhaupt entstehen kann?

Und dann gibt es die Grenzen in unserem Kopf

Besonders faszinierend finde ich die Grenzen, die wir über uns selbst aufbauen.

„Das kann ich nicht.“ „Dafür bin ich nicht gemacht.“ „Das ist nichts für mich.“ „Dafür ist es jetzt zu spät.“

Psychologisch passt dazu das Konzept der Selbstwirksamkeit: Unsere Überzeugung darüber, ob wir eine bestimmte Herausforderung bewältigen können, beeinflusst unter anderem, welche Ziele wir wählen, wie lange wir bei Schwierigkeiten dranbleiben und wie wir mit Rückschlägen umgehen.[1]

Damit wird eine gedachte Grenze irgendwann sehr real: Wenn ich fest davon überzeugt bin, etwas ohnehin nicht zu können, werde ich vermutlich weniger versuchen, weniger lernen und schneller aufgeben.

Und am Ende scheint meine ursprüngliche Überzeugung bestätigt:

„Siehst du. Ich kann es eben nicht.“

Eine Grenze ist häufig kein Ort, sondern ein Zeitpunkt

Diesen Gedanken finde ich besonders spannend.

Wir behandeln unsere Grenzen häufig wie einen festen Ort: Bis hierhin komme ich – dahinter beginnt etwas, das für mich nicht erreichbar ist.

Aber vielleicht beschreibt die Grenze in vielen Fällen gar keinen dauerhaften Ort.

Vielleicht beschreibt sie nur:

Bis hierhin kam ich – damals.

Ein Kind kann heute nicht lesen und einige Jahre später ganze Bücher verschlingen. Ein Mensch kann heute etwas nicht verstehen und in fünf Jahren Experte darin sein. Eine Situation kann heute tatsächlich außerhalb meiner Fähigkeiten liegen und später selbstverständlich werden.

Eine wahre Grenze der Gegenwart kann zu einer falschen Beschreibung der Zukunft werden.

Problematisch wird es vielleicht dort, wo aus einer Erfahrung eine Erkenntnis, aus der Erkenntnis eine Annahme und aus der Annahme schließlich eine Identität wird:

„So bin ich eben.“

Ausnahmen sind keine Versprechen

Ich finde außergewöhnliche Lebensläufe deshalb so interessant.

Nicht weil sie beweisen würden, dass jeder Mensch dasselbe erreichen kann. Natürlich unterscheiden wir uns in Voraussetzungen, Talenten, Gesundheit, Umfeld, Möglichkeiten, Zeit und unzähligen weiteren Faktoren.

Auch wissenschaftlich ist beispielsweise die Idee, dass frühe Spezialisierung automatisch Voraussetzung für spätere Spitzenleistung sei, wesentlich weniger eindeutig, als man zunächst vermuten könnte. Untersuchungen zu Spitzensportlern zeigen sehr unterschiedliche Entwicklungswege.[2]

Für mich liegt der Wert außergewöhnlicher Biografien deshalb woanders:

Außergewöhnliche Biografien können unsere Vorstellung davon korrigieren, was wir vorschnell für eine notwendige Grenze gehalten haben.

Sie sind kein Versprechen. Sie sind eine Einladung, noch einmal hinzusehen.

Walter Röhrl – „zu spät“ ist nicht immer zu spät

Walter Röhrl fuhr seine erste Rallye erst mit 21 Jahren. Seinen ersten Profivertrag erhielt er 1973 bei Opel – mit 26. Bereits ein Jahr später wurde er Europameister und später zweimal Rallye-Weltmeister.[3]

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit Mitte zwanzig noch Weltmeister werden kann. Aber sein Lebenslauf zeigt, wie vorsichtig wir mit vermeintlich festen Zeitgrenzen sein sollten.
Anton Zeilinger – die Grenze unserer Vorstellungskraft

Anton Zeilinger erhielt 2022 gemeinsam mit Alain Aspect und John Clauser den Nobelpreis für Physik für Experimente mit verschränkten Photonen und grundlegende Arbeiten zur Quanteninformation.[4]

Quantenverschränkung beschreibt Zusammenhänge zwischen Teilchen, die unserer Alltagserfahrung geradezu widersprechen können. Zeilinger selbst warnte später sinngemäß davor, zu glauben, die Wissenschaft habe bereits einen wesentlichen Teil dessen entdeckt, was überhaupt noch entdeckt werden könne. Wer zu schnell von einer fast fertigen „Theorie von allem“ ausgehe, zeige vielleicht vor allem die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft.[5]
Elon Musk – eine Biografie ist keine Vorhersage

Elon Musk beschreibt eine schwierige Kindheit. Quellen berichten von massivem Mobbing in seiner Schulzeit; bei einem Angriff wurde er so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste.[6]

Jahrzehnte später war er an Unternehmen beteiligt, die Elektroautos, private Raumfahrt und weitere Technologiefelder wesentlich verändert haben.

Auch daraus folgt nicht: „Wenn er das geschafft hat, kannst du das auch.“

Für mich folgt daraus etwas wesentlich Bescheideneres: Die Situation, in der ein Mensch heute steckt, sagt erstaunlich wenig darüber aus, wo seine endgültige Grenze liegen wird.

Die Wirklichkeit kennt unsere Annahmen nicht

Ein außergewöhnlicher Mensch widerlegt nicht automatisch eine statistische Regel.

Wenn etwas für fast alle Menschen extrem unwahrscheinlich ist, bleibt es extrem unwahrscheinlich.

Aber zwischen

„Das ist sehr unwahrscheinlich.“

und

„Das ist unmöglich.“

liegt ein gewaltiger Unterschied.

Ein einziger Gegenfall beweist nicht, dass jeder es schaffen kann. Aber er kann zeigen, dass unsere angenommene Grenze nicht dort lag, wo wir sie vermutet haben.

Vielleicht beginnt manches mit Glauben

Damit meine ich nicht: Man müsse nur fest genug an etwas glauben und dann werde es automatisch Realität.

Die Welt funktioniert offensichtlich nicht so.

Aber wenn ich ausschließlich Dinge versuche, von denen ich bereits sicher weiß, dass ich sie kann, werde ich kaum erfahren, was darüber hinaus möglich gewesen wäre.

Manche Möglichkeiten können erst überprüft werden, nachdem ich lange genug an ihre Möglichkeit geglaubt habe, um den Versuch überhaupt zu unternehmen.

Und manchmal reicht ein einziger Mensch, ein einziger Satz oder eine einzige Erfahrung, um eine Grenze ins Wanken zu bringen, die vorher völlig selbstverständlich erschien.

Prüfe deine Grenzen

Vielleicht müssen Grenzen weder grundsätzlich überwunden noch grundsätzlich akzeptiert werden.

Manche schützen uns. Manche schaffen Ordnung. Manche sind reale Bedingungen unseres Lebens. Manche waren früher sinnvoll. Und manche haben wir möglicherweise übernommen, ohne jemals zu prüfen, ob sie wirklich unsere sind.

Deshalb gefällt mir eine viel einfachere Aufforderung:

Prüfe deine Grenzen.

Vielleicht steht dort tatsächlich eine Wand.

Vielleicht eine Tür.

Vielleicht war dort früher eine Wand und heute ist dort eine Tür.

Oder vielleicht stand dort nie etwas – außer der Vorstellung, dass dort etwas stehen müsste.

Quellen

[1] American Psychological Association: Self-efficacy – The theory at the heart of human agency.
https://www.apa.org/research-practice/conduct-research/self-efficacy-human-agency.html

[2] Güllich, A., Barth, M., Hambrick, D. Z. & Macnamara, B. N.: Participation patterns in talent development in youth sports, 2023.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10232881/

[3] Stiftung Deutsche Sporthilfe / Hall of Fame des deutschen Sports: Walter Röhrl – Biografie und sportliche Laufbahn.
https://www.hall-of-fame-sport.de/mitglieder/detail/Walter-R%C3%B6hrl

[4] NobelPrize.org: The Nobel Prize in Physics 2022 – Anton Zeilinger.
https://www.nobelprize.org/prizes/physics/2022/zeilinger/facts/

[5] NobelPrize.org: Nobel Prize Conversations – Anton Zeilinger, 2023.
https://www.nobelprize.org/prizes/physics/2022/zeilinger/podcast/

[6] TIME: Elon Musk – Person of the Year 2021.
https://time.com/person-of-the-year-2021-elon-musk/