Wenn wir eine Entscheidung treffen, fühlt sie sich meistens nach
unserer Entscheidung an.
Wir überlegen, wägen Möglichkeiten gegeneinander ab und entscheiden
uns schließlich für eine Richtung. Doch je genauer ich darüber nachdenke,
desto schwieriger finde ich die Vorstellung einer vollkommen freien
Entscheidung.
Denn wir sind keine im luftleeren Raum existierenden Wesen.
Wir bringen eine Vergangenheit mit. Wir haben Erfahrungen gemacht,
wurden erzogen, haben Beziehungen erlebt, Überzeugungen entwickelt
und bestimmte Möglichkeiten kennengelernt – andere dagegen vielleicht nie.
Unsere gegenwärtige Situation spielt ebenso eine Rolle wie unsere Vorstellung
davon, was eine Entscheidung für unsere Zukunft bedeuten könnte.
Hinzu kommen Emotionen, Bedürfnisse, finanzielle Möglichkeiten,
gesellschaftliche Erwartungen und unzählige weitere Faktoren.
Meine Ausgangsposition ist deshalb zunächst:
Wahrscheinlich sind weniger unserer Entscheidungen vollkommen frei,
als es sich für uns anfühlt.
Doch vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage.
Vielleicht müssen wir zunächst klären,
was wir überhaupt meinen, wenn wir von Freiheit sprechen.
Die philosophische Perspektive
Die Frage nach dem freien Willen ist alt – und bis heute nicht abschließend beantwortet.
Eine zentrale Position ist der Determinismus. Vereinfacht formuliert steht dahinter die Vorstellung, dass Ereignisse durch vorausgehende Bedingungen und Naturgesetze bestimmt sind.
Dem gegenüber stehen libertaristische Positionen, nach denen echte Willensfreiheit gerade voraussetzt, dass zumindest manche unserer Handlungen nicht vollständig durch vorausgehende Bedingungen determiniert sind.
Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit, die ich besonders interessant finde: den Kompatibilismus.
Er vertritt die zunächst widersprüchlich klingende Position, dass Determinismus und freier Wille miteinander vereinbar sein können. [1]
Dahinter steckt eine Verschiebung der Frage.
Vielleicht muss eine freie Entscheidung gar nicht ohne Ursachen entstehen.
Wenn ich mich für einen Beruf entscheide, weil er meinen Fähigkeiten, Werten und Interessen entspricht, dann ist meine Entscheidung offensichtlich durch etwas bedingt.
Aber macht gerade das sie unfrei?
Was wäre die Alternative?
Eine Entscheidung ohne meine Persönlichkeit, ohne meine Erfahrungen, ohne meine Wünsche, ohne meine Werte und ohne jeden Grund wäre vielleicht unabhängiger von diesen Einflüssen – aber wäre sie deshalb mehr meine Entscheidung?
Damit gerät meine ursprüngliche Vorstellung von Freiheit ins Wanken.
Vielleicht ist die entscheidende Unterscheidung nicht einfach bedingt oder unbedingt, sondern beispielsweise selbstbestimmt oder erzwungen.
Gleichzeitig entsteht dadurch sofort das nächste Problem: Auch das, was ich heute als meine Werte, Überzeugungen und Wünsche bezeichne, hat eine Geschichte.
Woher kommen meine Werte?
Warum erscheinen mir bestimmte Möglichkeiten attraktiv und andere nicht?
Welche meiner Überzeugungen habe ich bewusst gewählt –
und welche habe ich irgendwann übernommen?
Die philosophische Perspektive liefert damit keine einfache Antwort. Sie macht vielmehr deutlich, dass bereits unsere Definition von Freiheit bestimmt, welche Antwort überhaupt möglich wird.
Die wissenschaftliche Perspektive
Auch Psychologie und Neurowissenschaft können diese philosophische Frage nicht einfach für uns entscheiden.
Sie können aber untersuchen, wie Entscheidungen tatsächlich entstehen und wodurch sie beeinflusst werden.
Eine meiner Ausgangsannahmen war, dass Gefühle und Emotionen unsere Entscheidungen besonders stark beeinflussen.
Den Satz „Menschen sind rationalisierende, aber niemals wirklich rationale Wesen“ würde ich nach der Beschäftigung mit der Forschung allerdings vorsichtiger formulieren.
Denn die Forschung gibt keinen guten Grund, Rationalität und Emotion als einfache Gegenspieler zu betrachten.
Emotionen können Entscheidungen auf vielfältige und systematische Weise beeinflussen. Sie verändern unter anderem, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wie wir Situationen bewerten und welche möglichen Konsequenzen einer Entscheidung für uns besonders bedeutsam erscheinen. Je nach Situation können solche Einflüsse Entscheidungen verbessern oder verschlechtern. [2]
Das Bild eines vollkommen rationalen Entscheiders, dessen Emotionen lediglich störend dazwischenfunken, ist deshalb zu einfach.
Interessant wird es auch dort, wo Prozesse einer Entscheidung bereits beginnen, bevor wir sie bewusst wahrnehmen.
Besonders bekannt wurden in diesem Zusammenhang die Experimente des Neurophysiologen Benjamin Libet.
Bei einfachen spontanen Bewegungen zeigte sich eine messbare Gehirnaktivität – das sogenannte Bereitschaftspotential – bereits bevor Versuchspersonen berichteten, sich ihrer Bewegungsabsicht bewusst geworden zu sein.
Genau aus solchen Befunden wurde immer wieder die weitreichende Behauptung abgeleitet, die Neurowissenschaft habe den freien Willen widerlegt.
Der Forschungsstand rechtfertigt eine so einfache Schlussfolgerung allerdings nicht.
Eine umfangreiche systematische Aufarbeitung der neurowissenschaftlichen Forschung zum freien Willen identifizierte mehr als 2.200 Publikationen und untersuchte schließlich 494 relevante Arbeiten genauer. Die Autoren beschreiben erhebliche methodische und konzeptionelle Schwierigkeiten der bisherigen Forschung. [3]
Schon grundlegende Fragen sind nicht trivial:
Wie zuverlässig können Menschen überhaupt angeben,
wann eine Absicht bewusst entstanden ist?
Was genau repräsentiert die gemessene vorbereitende Gehirnaktivität?
Und bildet eine spontane Finger- oder Handbewegung überhaupt das ab,
was wir im Alltag unter einer bedeutsamen Entscheidung verstehen?
Auch eine Meta-Analyse von Libet-artigen Experimenten zeigt, dass Teile der klassischen Befundlage weniger robust sind, als eine einfache Erzählung vom „Gehirn, das bereits entschieden hat“ vermuten lässt. [4]
Unser Entscheiden besteht aus bewussten und nicht bewusst erlebten Prozessen und wird von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren beeinflusst.
Ob daraus folgt, dass Menschen keinen freien Willen besitzen, lässt sich aus solchen Experimenten allein jedoch nicht ableiten.
Und damit landen wir wieder bei der ursprünglichen Frage – nur etwas informierter als zuvor.
Die praktische Perspektive
Für das tatsächliche Leben interessiert mich deshalb eine etwas andere Frage.
Angenommen, jemand sieht für ein Problem nur eine einzige Lösung.
Dann erscheint ihm vielleicht bereits die Situation selbst alternativlos.
Lernt er durch ein Gespräch, ein Buch, die Erfahrung eines anderen Menschen oder einen Perspektivwechsel vier weitere Möglichkeiten kennen, hat sich zunächst keine einzige äußere Bedingung verändert.
Und trotzdem ist etwas Entscheidendes passiert:
Sein wahrgenommener Handlungsspielraum ist größer geworden.
Fünf Möglichkeiten machen eine Entscheidung nicht automatisch vollkommen frei.
Aber sie eröffnen mehr Raum als eine einzige wahrgenommene Möglichkeit.
Hier liegt für mich eine wichtige Verbindung zwischen Freiheit und Perspektive.
Wir können unsere Vergangenheit nicht verändern. Wir können nicht auswählen, welche Erfahrungen wir bereits gemacht haben. Auch viele unserer gegenwärtigen Bedingungen können wir nicht einfach abschaffen.
Aber wir können versuchen, sie zu erkennen.
Wir können andere Menschen fragen, wie sie mit einer ähnlichen Situation umgegangen sind. Wir können Informationen suchen, unsere bisherigen Überzeugungen hinterfragen und Möglichkeiten kennenlernen, die innerhalb unseres bisherigen Denkens überhaupt nicht vorhanden waren.
Und manchmal können wir tatsächlich die äußeren Bedingungen verändern.
Für mich lässt sich daraus ein sehr einfaches praktisches Modell ableiten:
Wenn ich etwas nicht verändern kann, kann ich prüfen, ob ich meinen Umgang damit verändern kann.
Wenn ich eine Situation nicht akzeptieren möchte, kann ich prüfen, was sich an ihr verändern lässt.
Und wenn ich weder die Situation noch meinen Umgang damit verändern möchte, kann ich mich fragen, ob ich sie verlassen kann.
„Love it“ bedeutet für mich dabei nicht, jede Situation gutzuheißen oder schönzureden.
Liebe verstehe ich hier vielmehr als eine Form der Überwindung von Polarität – und damit auch als Akzeptanz dessen, was zunächst einmal ist.
An diesem Punkt gibt es eine deutliche Verbindung zu Viktor Frankls Menschenbild.
Die Logotherapie und Existenzanalyse verstehen den Menschen nicht als vollkommen unabhängig von biologischen, psychologischen oder sozialen Bedingungen. Gleichzeitig betonen sie die Möglichkeit, innerhalb gegebener Grenzen gegenüber inneren und äußeren Bedingungen Stellung zu beziehen. [5]
Dabei ist eine Einschränkung wichtig:
Das häufig Viktor Frankl zugeschriebene Zitat vom „Raum zwischen Reiz und Reaktion“, in dem unsere Freiheit liege, lässt sich ihm in dieser Form nicht zuverlässig zuordnen. Das Viktor Frankl Institut weist selbst darauf hin. [6]
Seine eigentliche Position braucht dieses Zitat aber auch nicht.
Denn natürlich besitzt nicht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt dieselben Möglichkeiten.
Armut, Krankheit, Abhängigkeiten, Machtverhältnisse, gesellschaftliche Bedingungen oder die eigene Lebensgeschichte können Handlungsspielräume massiv begrenzen.
Begrenzter Handlungsspielraum ist aber nicht dasselbe wie kein Handlungsspielraum.
Vielleicht liegt genau darin eine Form praktischer Freiheit.
Was bleibt für mich daraus?
Meine Ausgangsposition hat sich durch die unterschiedlichen Perspektiven nicht vollständig verändert – aber meine Definition von Freiheit ist präziser geworden.
Ich halte die Vorstellung einer vollkommen unbeeinflussten Entscheidung weiterhin für schwierig.
Wir entscheiden aufgrund unserer Geschichte, unserer Gefühle, unserer Werte, unserer gegenwärtigen Situation und unserer Vorstellung von der Zukunft.
Doch vielleicht habe ich Freiheit zunächst zu stark als Abwesenheit von Einflüssen verstanden.
Eine Entscheidung kann Gründe haben und trotzdem meine Entscheidung sein.
Interessanter ist für mich deshalb inzwischen die Frage, wie groß der Raum ist, innerhalb dessen ich mich zu diesen Bedingungen verhalten kann.
Ich kann nicht entscheiden, welche Vergangenheit ich habe. Aber ich kann versuchen zu verstehen, wie sie mich beeinflusst.
Ich kann nicht verhindern, dass Emotionen Teil meiner Entscheidungen sind. Aber ich kann lernen, sie wahrzunehmen und in meine Entscheidung einzubeziehen.
Ich kann nicht jede äußere Bedingung verändern. Aber ich kann prüfen, welche davon tatsächlich unveränderlich ist.
Und ich kann meinen Handlungsspielraum erweitern, indem ich Perspektiven kennenlerne, die mir bisher gefehlt haben.
Vielleicht besteht menschliche Freiheit deshalb nicht darin, frei von allen Bedingungen zu sein.
Vielleicht besteht sie darin, innerhalb unserer Bedingungen immer wieder nach dem Raum zu suchen, in dem wir Stellung beziehen, etwas verändern, etwas verlassen oder etwas akzeptieren können.
Vollkommen frei?
Vielleicht nicht.
Aber möglicherweise freier,
als wir gestern noch waren.
Quellen & weiterführende Literatur
Die folgenden Quellen bilden die Grundlage für die philosophischen und wissenschaftlichen Abschnitte dieses Beitrags.
[1] Stanford Encyclopedia of Philosophy – Compatibilism
Philosophische Einführung in die Frage, ob Determinismus und Willensfreiheit miteinander vereinbar sind.
https://plato.stanford.edu/entries/compatibilism/[2] Lerner, Li, Valdesolo & Kassam – Emotion and Decision Making
Überblicksarbeit im Annual Review of Psychology über den Einfluss von Emotionen auf Urteile und Entscheidungen.
https://www.annualreviews.org/doi/10.1146/annurev-psych-010213-115043[3] Systematische Übersichtsarbeit zur neurowissenschaftlichen Forschung über Willensfreiheit
Umfangreiche Aufarbeitung der experimentellen Forschung sowie ihrer methodischen und konzeptionellen Grenzen.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0149763423004724[4] Meta-Analyse von Libet-artigen Experimenten
Quantitative Aufarbeitung der Beziehungen zwischen Bereitschaftspotential, bewusster Intention und Bewegung.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34119525/[5] Viktor Frankl Institut Wien – Logotherapy and Existential Analysis
Darstellung zentraler Grundannahmen von Frankls Logotherapie und Existenzanalyse.
https://www.viktorfrankl.org/logotherapy.html[6] Viktor Frankl Institut Wien – „Stimulus and Response“
Einordnung des häufig Frankl zugeschriebenen Zitats über den vermeintlichen „Raum zwischen Reiz und Reaktion“.
https://www.viktorfrankl.org/quote_stimulus.html